Während der G7-Gipfel im französischen Évian-les-Bains (15. bis 17. Juni 2026) tagt, verdichten sich die Belege für eine besorgniserregende Entwicklung: Die sieben mächtigsten Industrienationen der Welt reduzieren genau dann ihre Unterstützung für afrikanische Länder, wenn der Druck auf diese Länder am stärksten wächst. SID Deutschland, Mitglied von VENRO, dem Dachverband entwicklungspolitischer und humanitärer Nichtregierungsorganisationen in Deutschland, unterstützt die Forderungen der ONE Campaign nach einer sofortigen Kurskorrektur.
Was die Zahlen belegen
Zwischen 2021 und 2024 sank die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit der G7 für afrikanische Länder pro Kopf um fast ein Viertel. Die OECD-Daten für 2025 unterstreichen diesen Trend noch drastischer: Die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit für afrikanische Länder fiel innerhalb nur eines Jahres um fast 24 Prozent. Die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe der DAC-Mitglieder sank 2025 auf 174,3 Milliarden US-Dollar, ein Rückgang von 23,1 Prozent gegenüber 2024. Das ist der stärkste Einbruch, der je in diesem Bereich gemessen wurde.
Besonders alarmierend ist die Entwicklung im Gesundheitsbereich. Laut OECD-Projektionen könnte die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit für Gesundheit bis 2025 um bis zu 60 Prozent gegenüber dem Höchststand von 2022 einbrechen. Gleichzeitig bleibt die Gesundheitsversorgung in vielen Teilen Afrikas stark auf externe Finanzierung angewiesen. Millionen von Menschen wären unmittelbar betroffen, wenn diese Mittel wegfallen.
Die gesellschaftliche Sprengkraft
Afrikanische Staaten stehen nicht nur vor finanziellen Herausforderungen, sondern vor dem Zusammentreffen mehrerer Krisen gleichzeitig: steigende Schuldenlasten, höhere Energie- und Lebensmittelpreise, anhaltende Gesundheitskrisen und die Folgen des Klimawandels. Der ONE-Bericht „G7 asking Africa to absorb more shocks with less support“ macht deutlich, dass genau in diesem Moment die G7 ihre Beiträge kürzen. Für die Society for International Development ist das kein neutraler Rückzug, sondern eine politische Entscheidung mit globalen Folgen.
VENRO, dem SID Deutschland als Mitglied angehört, vertritt die Interessen von rund 150 entwicklungspolitischen und humanitären Nichtregierungsorganisationen in Deutschland. Der Verband hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die aktuellen Kürzungen nicht nur den Fortschritt bei den Nachhaltigkeitszielen gefährden, sondern auch Vertrauen zerstören, das über Jahrzehnte mühsam aufgebaut wurde.
Geopolitik im Rückwärtsgang
Das Schweigen der G7 gegenüber Afrika hat geopolitische Konsequenzen, die weit über Entwicklungsfragen hinausgehen. Das entstandene Vakuum füllen andere Akteure: China, Russland, die Türkei und Golfstaaten intensivieren ihren Einfluss auf dem Kontinent. Wer jetzt spart, verliert nicht nur Partner, sondern auch die Grundlage für eine regelbasierte, multipolare Weltordnung. Ein symbolisch aufgeladenes Zeichen dieser Verschiebung war die Ausladung des südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa vom G7-Gipfel auf US-amerikanischen Druck hin.
Die G7 brauchen eine kohärente Afrikastrategie, die auf Partnerschaft statt auf Paternalismus setzt. Das bedeutet: vorhersehbare, langfristige Finanzierungen, die an den Prioritäten afrikanischer Gesellschaften ausgerichtet sind, beschleunigte Schuldenreliefprozesse und eine deutliche Erhöhung der Beiträge zu multilateralen Institutionen wie der Weltbank-Tochter IDA.
Was Évian liefern muss
SID Deutschland unterstützt gemeinsam mit ONE und dem Netzwerk entwicklungspolitisch Engagierter die Forderung, dass der Gipfel in Évian die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit nicht länger als Haushaltsposten zweiter Klasse behandelt. Gesundheit, Bildung und nachhaltige Entwicklung sind keine Wohltat, sondern strategische Investitionen in globale Stabilität. Der Gipfel bietet die Chance, diesen Kurs zu korrigieren. Es wäre ein historischer Fehler, sie ungenutzt verstreichen zu lassen.
Weiterführende Links
- ONE-Bericht: G7 asking Africa to absorb more shocks with less support: https://data.one.org/analysis/g7-asking-africa-to-absorb-more-shocks-with-less-support
- ONE Pressemitteilung (DE): G7-Gipfel und Entwicklungsinvestitionen in Afrika: https://www.one.org/de/press/g7-afrika-investitionen/
- VENRO: Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe: https://venro.org
- Historischer ODA-Rückgang 2025, Focus 2030: https://focus2030.org/en/historic-drop-in-official-development-assistance-in-2025/
- OECD/UNHCR-Projektionen für ODA 2025: https://data.unhcr.org/en/documents/details/117285
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