Gerechte Energiewende statt neuer Abhängigkeiten: VENRO legt klaren Standpunkt vor

(TL;DR) VENRO fordert in seinem neuen Standpunkt eine Energiewende, die nicht nur fossile durch erneuerbare Energien ersetzt, sondern Menschenrechte, lokale Souveränität und globale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. Angesichts des Ukraine-Kriegs, Trumps Klimarückzugs und des Iran-Konflikts warnt der Verband: Wer Energiepolitik rein sicherheitspolitisch denkt, schafft neue Abhängigkeiten statt sie abzubauen. Deutschland muss fossile Subventionen abbauen, internationale Partnerschaften auf Augenhöhe gestalten und vulnerable Länder bei der selbstbestimmten Energieversorgung stärken.

Berlin, 29. April 2026. Drei Kriege, ein zerbrochenes Klimabündnis und steigende Rohstoffpreise: Die globale Energiepolitik steht unter enormem Druck. VENRO, der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe, hat in dieser Gemengelage ein klares Zeichen gesetzt und seinen Standpunkt „Eine global gerechte Energiewende statt neuer Abhängigkeiten“ veröffentlicht. Table.Media berichtete vorab über das Papier.

Warum jetzt?

Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine dominiert Energiesicherheit die politischen Debatten in Deutschland. Unter Donald Trumps zweiter Präsidentschaft haben sich die USA fundamental vom Pariser Klimaabkommen abgewandt und verfolgen eine aggressive Rückkehr zum fossilen Modell. Der laufende Krieg gegen den Iran verschärft die Frage nach Energiesouveränität weiter und macht deutlich, wie strukturell anfällig das globale fossile Energiesystem bleibt.

VENRO warnt: Wer Energiepolitik primär unter sicherheits- und wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten gestaltet, riskiert, menschenrechtliche, soziale und ökologische Aspekte zu verdrängen. Das Ergebnis wären nicht weniger, sondern neue Abhängigkeiten, diesmal von Rohstoffkonzernen, exportorientierten Infrastrukturen und geopolitischen Einzelinteressen.

Vier Handlungsfelder, ein Rahmen

VENRO strukturiert seinen Standpunkt entlang von vier konkreten Forderungsbereichen:

  1. Partnerschaftliche Energiekooperation und lokale Souveränität: Internationale Partnerschaften wie die Just Energy Transition Partnerships (JETPs) mit Südafrika, Indonesien, Senegal und Vietnam dürfen nicht auf Rohstoffsicherung für europäische Märkte reduziert werden. Dezentrale Mini- und Mikro-Netze sowie gemeinschaftsbasierte Energieversorgung müssen Vorrang vor exportorientierten Großprojekten erhalten.
  2. Partizipation, Menschenrechte und Rechenschaftspflichten: Betroffene Gemeinschaften, indigene Gruppen, Frauen und marginalisierte Bevölkerungen brauchen echte Mitspracherechte, kein symbolisches Consulting. Das Recht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung (FPIC) muss konsequent angewendet werden.
  3. Integrierte, effiziente und resiliente Energiesysteme: SDG 7, der universelle Zugang zu bezahlbarer und nachhaltiger Energie, muss als Leitlinie dienen. Energiepolitik ist dabei nicht losgelöst von Wasser, Ernährung, Gesundheit und Bildung zu denken.
  4. Gerechte Finanzierung und globale Strukturreform: Deutschland muss fossile Subventionen, die 2023 auf 85 Milliarden Euro angewachsen waren, konsequent abbauen. Die freiwerdenden Mittel gehören in Klimaschutz, Klimaanpassung und nachhaltige Entwicklung, insbesondere im Globalen Süden.

SID und die Debatte um Entwicklungsgerechtigkeit

Die Society for International Development (SID) Deutschland ist als zivilgesellschaftliches Netzwerk an der Schnittstelle von Entwicklungspolitik, Nachhaltigkeit und internationalem Dialog aktiv. SID bündelt Expertise aus Wissenschaft, NGOs und Praxis, publiziert im renommierten DEVELOPMENT Journal und organisiert regelmäßige Fachgespräche, zuletzt u.a. zu Fragen globaler Finanzarchitektur und städtischer Nachhaltigkeit. Als VENRO-Mitglied ist SID eng mit den Debatten vernetzt, die der VENRO-Standpunkt aufgreift.

Gerade die Frage, wie internationale Energiepartnerschaften ausgestaltet sein müssen, damit sie nicht neue asymmetrische Abhängigkeiten reproduzieren, ist ein Kernthema des entwicklungspolitischen Diskurses, den SID mitprägt. Der aktuelle Standpunkt liefert dafür eine fundierte zivilgesellschaftliche Positionierung, die weit über die innenpolitische Energiedebatte hinausweist.

Was jetzt gefordert ist

Deutschland steht laut VENRO in einer doppelten Verantwortung: den eigenen fossilen Ausstieg glaubwürdig zu beschleunigen und gleichzeitig vulnerable Länder in die Lage zu versetzen, ihre Energiesysteme selbstbestimmt zu gestalten. Internationale Prozesse wie die COP30 Presidency Roadmap und die Belém Declaration brauchen belastbare politische und finanzielle Partnerschaften, um Wirkung zu entfalten.

Der vollständige Standpunkt ist auf der Website von VENRO verfügbar. Die SID-Community ist eingeladen, die Debatte in den Chapter-Veranstaltungen in Berlin, Bonn, Frankfurt, Hamburg und München weiterzuführen.

Der VENRO-Standpunkt wurde am 24. April 2026 in Berlin veröffentlicht, Redaktion: Sophie Knabner.

 


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