Entwicklungspolitische Advocacy-Arbeit in Deutschland ist kein Selbstzweck, sondern ein strukturpolitisches Werkzeug: Sie zielt darauf ab, die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen von Ungleichheit, Armut und Menschenrechtsverletzungen zu beseitigen, statt nur Symptome zu bekämpfen. Hier sind die zentralen Strategien im Überblick, aufgebaut auf den Erfahrungen von VENRO-Mitgliedsorganisationen.
Was Advocacy leisten soll
Advocacy bezeichnet alle organisierten Bemühungen, die Formulierung und Umsetzung von Gesetzgebung und Programmen zu beeinflussen, indem staatliche Stellen, internationale Finanzinstitutionen und andere einflussreiche Akteure überzeugt oder unter Druck gesetzt werden. Sie geht damit weit über klassisches Lobbying hinaus: Auch das Erzeugen öffentlichen Drucks durch Kampagnen, das Dokumentieren von Menschenrechtsverletzungen oder das Klagen vor Gerichten gehören zum Instrumentarium. Erfolgreiche Advocacy-Arbeit braucht laut VENRO-Bericht vor allem eines: einen langen Atem und Flexibilität, denn nachhaltige strukturelle Veränderungen lassen sich nicht kurzfristig erzwingen.
Strategische Planung in sechs Schritten
Der VENRO-Bericht „Wir mischen uns ein“ beschreibt einen bewährten Planungszyklus für entwicklungspolitische Advocacy-Arbeit. Im ersten Schritt werden Ziele und Unterziele definiert: Was genau soll verändert werden, und welche Teilziele führen dorthin? Dann folgt die Analyse der Adressatinnen und Adressaten: Wer sind die relevanten Entscheidungstragenden, welche Verbündeten gibt es, und was sollen diese konkret tun? Anschließend wird die geeignete Botschaft entwickelt, die Taktik gewählt, die Strategie angesichts möglicher Risiken angepasst und schließlich implementiert und evaluiert.
Kooperation, Konfrontation und Netzwerke
Entwicklungspolitische Organisationen in Deutschland bewegen sich häufig in einem Spannungsfeld zwischen Kooperation und Konfrontation: Enge Beziehungen zur Regierung ermöglichen konstruktiven Einfluss, während öffentlicher Druck die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erhöhen kann. Beides schließt sich nicht aus. Ein zentraler Erfolgsfaktor sind Netzwerke und Koalitionen: In einem Bündnis wird die gemeinsame Botschaft verstärkt, wenn sie aus unterschiedlichen Perspektiven vorgetragen wird, und Ressourcen, Wissen und Kontakte lassen sich teilen. Das Lieferkettengesetz-Bündnis von 2021 ist ein prägnantes Beispiel: Breite zivilgesellschaftliche Koalitionen erzielten damit einen handfesten gesetzgeberischen Erfolg.
Wissen als Grundlage der Glaubwürdigkeit
Fachwissen und fundierte Recherche sind laut VENRO-Bericht die zentrale Grundlage für entwicklungspolitische Advocacy-Arbeit. Organisationen, die ihre politischen Forderungen mit verlässlichen Daten und eigener Feldforschung belegen können, werden zu gefragten Gesprächspartnerinnen für politische Entscheidungstragende und Behörden. Viele VENRO-Mitglieder vernetzen sich dafür mit Forschungseinrichtungen, Universitäten und Fachverbänden. Hinzu kommt juristische Expertise, etwa für das Einreichen von Klagen vor nationalen oder internationalen Gerichten. Plan Deutschland etwa nutzt regelmäßig erhobene Daten zur Situation von Kindern und Mädchen, um seine politischen Forderungen zu untermauern.
Süd-Nord-Partnerschaft auf Augenhöhe
Eine besondere Stärke deutscher entwicklungspolitischer Arbeit liegt im Zusammenspiel zwischen Partnerorganisationen im Globalen Süden und Advocacyteams in Deutschland. Partnerorganisationen bringen das direkte Wissen über Lebenswirklichkeiten und lokale Machtstrukturen mit, während deutsche NRO Zugang zu Berliner Ministerien, EU-Institutionen und internationalen Netzwerken bieten. Allerdings mahnt der VENRO-Bericht ausdrücklich, bestehende Machtungleichgewichte kritisch zu reflektieren: Wenn Initiativen und Prioritäten aus dem Globalen Norden definiert werden, obwohl die Finanzierung ohnehin dort liegt, reproduzieren sie koloniale Denkmuster.
Digitalisierung als neues Handlungsfeld
Digitale Kommunikation und soziale Netzwerke haben neue Formen zivilgesellschaftlicher Organisation und Kooperation entstehen lassen. Bewegungen wie Fridays for Future oder Kampagnen wie #MeToo und #EndSARS zeigen, dass sich ohne große Ressourcen Menschen dezentral zusammenfinden und globale Wirkung erzeugen können. Für entwicklungspolitische NRO in Deutschland bedeutet das: Sie müssen ihre Kommunikationsstrategien weiterentwickeln, um diese Wirkräume zu nutzen und digitale Öffentlichkeiten gezielt für ihre Advocacy-Ziele zu mobilisieren.
Förderstrukturen als Hemmnis
Trotz wichtiger Fortschritte bleibt die Förderlogik vieler Zuwendungsgebenden ein strukturelles Hindernis für wirksame Advocacy-Arbeit. Kurze Projektlaufzeiten, starre Budgetpläne und unflexible Indikatoren passen schlecht zu einem Arbeitsbereich, in dem nachhaltige Veränderungen Jahre oder Jahrzehnte brauchen. VENRO fordert seit langem langfristige Förderung und die Möglichkeit zu flexiblen Anpassungen. Das BMZ hat in den vergangenen Jahren reagiert und erlaubt für Advocacy-Vorhaben inzwischen höhere Verwaltungskostenpauschalen sowie längere Laufzeiten. Angesichts der aktuellen Haushaltsdebatte bleibt diese Frage aber virulent.
Weiterführende Links
- VENRO NRO-Report 2021: Wir mischen uns ein: https://venro.org/fileadmin/user_upload/Dateien/Daten/Publikationen/Sonstige/VENRO_NRO_Report_Advocacy_Arbeit_2021.pdf
- HEKS-Konzept: Advocacy in der Entwicklungszusammenarbeit: https://venro.org/fileadmin/user_upload/Dateien/Daten/Publikationen_weitere/Good_Practice/HEKS_Konzept_Advocacy.pdf
- Plan Deutschland: Advocacy- und Kampagnenarbeit: https://www.plan.de/advocacy-und-lobbyarbeit.html
- VENRO: Publikationen: https://venro.org/publikationen
- Brot für die Welt: Wirkungsorientierung von Advocacy: https://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Fachinformationen/Dialog/dialog08_wirkungsorientierung.pdf
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